Читать онлайн «Der Ghostwriter»

Автор Сесилия Ахерн

Angefangen hatte diese Liebe damit, dass ein Tramper, den sein Vater auf dem Rückweg von der Stadt mitgenommen hatte, den Sommer über bei ihnen geblieben war und auf dem Feld ausgeholfen hatte. Der junge Mann war, soweit Herman sich erinnern konnte, ziemlich haarig gewesen, mit einem langen Zopf und einem Bart, der gleich unter den Augen anfing und den Rest seines Gesichts fast völlig überwucherte. Als Hermans Vater ihn nach seinem Namen fragte, hatte er kurz nachgedacht und dann geantwortet: »Nennen Sie mich Gabriel. «

Gabriel war ein entspannter Typ, mit einer Stimme, die so sanft war, dass man die Ohren spitzen musste, um ihn zu verstehen, aber auf dem Feld arbeitete er härter als alle anderen, und seine durchdringenden blauen Augen brachten Hermans Mutter zum Erröten, wenn sie in der Küche um ihn herumgluckte. Auch Hermans Schwestern hatten ein Faible für ihn, allen voran Anna Bell, die bekanntermaßen ein Faible für fast alle Männer aus der Gegend hatte. Sozusagen als Beweis für ihre Reputation hatte Herman sie eines Abends in der Scheune mit Gabriel erwischt, sie mit den Beinen, er mit dem nackten Hinterteil hoch in der Luft.

Aber es war nicht dieser Vorfall, der Hermans Leben veränderte, sondern der Tag, an dem er Gabriel an einem seiner seltenen freien Tage entspannt mit einem Buch in der Hand an einen Apfelbaum gelehnt vorfand. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der so entrückt, so weit weg von dieser Welt war, dass es Herman den Atem verschlug. Gabriel hatte ihn nicht kommen hören – und falls doch, war das, was auf diesen Seiten stand, offenbar viel zu wichtig, um sich davon loszureißen, denn er rührte sich nicht, ja, er blickte nicht einmal auf. Schließlich setzte Herman sich einfach hin und wartete, dass der junge Mann ihm seine Aufmerksamkeit zuwandte. Dreißig Minuten später war das Buch zu Ende, und nun schaute Gabriel ihn endlich an, jedoch ohne ihn wirklich zu sehen – der entrückte Ausdruck, der in Herman den Wunsch geweckt hatte, das Buch zu lesen, das der andere in der Hand hielt, war geblieben.

Körperlich anwesend, aber gleichzeitig weit, weit weg zu sein, war die Lösung für Hermans Pubertätsprobleme. Das Buch war Früchte des Zorns.

Es begleitete Herman von nun an und wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit hervorgeholt. Allerdings las er es nur im stillen Kämmerlein, denn sein Vater war von der neuen Leidenschaft seines Sohnes alles andere als angetan, und Hermans Schwestern fanden es lästigerweise höchst amüsant, dass er – wie sie glaubten – den Wunsch hatte, den Tramper nachzuahmen. Seine Mutter, die schon immer seine stille Verbündete gewesen war, unterstützte ihn zwar nicht direkt, aber wenn sie ihn irgendwo zusammengekauert in einer Ecke beim Lesen antraf – die Gedanken in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort –, warnte sie ihn, sobald jemand sich näherte. Und das reichte ihm. Hank dagegen weckte Herman, wenn er spätabends von einer Sauftour zurückkam – allein der Alkoholdunst genügte schon, um seinen kleinen Bruder aus dem Schlaf zu reißen –, und verlangte, dass er ihm etwas vorlas. Wenn Herman dann müde wurde und mitten im Satz einschlief, trat Hank von unten so heftig gegen die Matratze ihres Doppelstockbetts, dass Herman herausflog, aber dann rappelte er sich schnell wieder auf, kletterte zurück nach oben und las weiter.